Essay zu Gleichstellung in der Arbeitswelt

Männer und Teilzeit – eine komplizierte Beziehung

Teilzeitarbeit soll auch für Männer eine selbstverständliche Karriereoption sein. Das fordert die Gleichstellungspolitik, um Frauen für die Erwerbsarbeit freizuspielen. Trotz aller Beteuerungen und Hilfestellungen der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber hat sich die Forderung bis heute nicht umsetzen lassen. Woran klemmt’s? Eine Spurensuche zwischen Wunsch und Wirklichkeit.


Mann staubsaugen, Handwerker, Mann auf E-Bike, Mann mit Kinderwagen, Giesskanne

Der Mann mit Teilzeitarbeitswunsch will auf keinen Fall als «Kameradenschwein» dastehen, das den anderen im Team Mehrarbeit einbrockt.

Männer und Teilzeitarbeit: Das ist eine merkwürdige Beziehung. Die Faszination ist da, keine Frage. Sehnsuchtsvoll blicken viele Männer auf die Perspektive, mehr Freiraum in ihrem Leben zu schaffen, mehr Zeit für ihre Liebsten oder ihr Liebstes zu haben, mehr Luft zum Atmen. Und doch gibt es gleichzeitig starke Abstossungskräfte, die verhindern, dass aus dem heimlichen Flirt eine Liebe fürs Leben wird

Die Erfahrung zeigt: Schnell ist in dieser Situation der Vorwurf zur Hand, der männliche Teilzeitwunsch sei ja bloss ein Lippenbekenntnis. Klingt gut, wirkt modern und verpflichtet zu nichts. Denn man(n) kann ja jederzeit glaubwürdig behaupten: Ich habe mich voll ins Zeug gelegt, aber der Chef beziehungsweise die Chefin hat einfach Nein gesagt!

Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit der Thematik und bin dabei zur Einschätzung gelangt: Dass Teilzeitarbeit für Männer nicht zugänglich sei, ist Ausrede und Tatsache zugleich. Es bedarf eines differenzierten Blicks, um das eine vom anderen zu unterscheiden

100-Prozent-Job = 100-Prozent-Selbstwert

Klar ist: Erwerbsarbeit ist die zentrale Säule im männlichen Selbstbild. Männer leisten gern und viel. Besonders umfassend wird männliche Leistungsfähigkeit im Job mess- und vergleichbar: Wer viel arbeitet, viel verdient und viel Macht hat, steht im Männlichkeitsranking ganz weit oben. Diese Dynamik mag man mit guten Gründen – beispielsweise im Dienst der Stress- und Burnout-Prävention – beklagen. Solange Burschen in unserer Gesellschaft zum Mann (gemacht) werden, indem wir sie zu einer Fassade der Stärke zwingen, muss diese Dynamik zumindest als soziale Tatsache anerkannt werden.

Wegen des hohen Stellenwerts der Erwerbsarbeit im männlichen Lebenszusammenhang bekommt die Option Teilzeitarbeit unvermeidlich eine existenzielle Dimension. «Wenn ich 80 Prozent arbeite, gelte ich nur noch als halbe Portion», hat ein Seminarteilnehmer seine Befürchtung wunderbar auf den Punkt gebracht. Diese Befürchtung ist realistisch. Je wettbewerbsorientierter eine Branche funktioniert, umso stärker werden Leistungsfähigkeit und zeitliche (Dauer-)Verfügbarkeit gekoppelt. Ein echter Performer ist dann nicht der, der pro Zeiteinheit am meisten Wirkung erzielt – sondern der, der am längsten arbeitet. Das ist zwar Unsinn, hält sich aber als hemdsärmelige Annahme hartnäckig – und beeinflusst die Betriebskultur ganz direkt.

Mit einer Fachstelle für betriebliche Väterarbeit ist der Dachverband männer.ch, dessen Leiter ich bin, nah an der Unternehmenswelt dran. Unsere Unternehmenskundinnen und -kunden beteuern glaubwürdig: Wir sind offen für Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeitmodelle! Sie stehen jedoch vor der Herausforderung, dass viele Männer diese Angebote trotz aller Ermunterung durch die Personalabteilungen nicht in Anspruch nehmen. Woran das liegt? Am «homosozialen Druck»!

Schmerzhafte Zielkonflikte

Der Begriff «homosozialer Druck» umschreibt die gruppendynamischen Prozesse innerhalb der männlichen «peer group», zu der im Arbeitssetting insbesondere die männlichen Arbeitskollegen und direkten Vorgesetzten zählen. Sie sind letztlich die entscheidenden «Gatekeeper». Denn für den Mann mit Teilzeitwunsch ist noch wenig gewonnen, wenn das Unternehmensleitbild beteuert, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ernst zu nehmen und ein väterfreundlicher Arbeitgeber zu sein. Für sie entscheidend ist die Frage, ob ihr Teilzeitwunsch auch vom Team und von den Vorgesetzten mitgetragen wird. Negativ formuliert: Der Mann mit Teilzeitarbeitswunsch will auf keinen Fall als «Kameradenschwein» dastehen, das den anderen im Team Mehrarbeit einbrockt, während er sich selbst verwirklicht. Auch das ist eine durchaus reale Befürchtung, denn oft werden Teilzeitwünsche auch dazu genutzt, um Stellenprozente abzubauen. Er will sich mit grosser Wahrscheinlichkeit auch nicht von allen beruflichen Aufstiegschancen isolieren, «nur» weil er seinen Wunsch nach einer (zeitweiligen) Reduktion des Erwerbspensums geäussert hat.

In der Praxis der Väterarbeit stellen wir fest: Männer haben vergleichbar grossen Respekt vor dem Gespräch mit dem Chef oder der Chefin wie vor dem Gespräch mit der eigenen Partnerin. Denn wenn ein Mann – vor allem, wenn er Kinder hat – Teilzeit arbeiten möchte, verändert das auch die Paardynamik und das ganze Familiensystem. Entweder gleicht dann der zweite Elternteil den Einkommensverlust aus – oder die ganze Familie muss ihren Lebensstandard nach unten anpassen. Hier gibt es schmerzhafte Zielkonflikte: Natürlich freuen sich die meisten Familien, wenn Papa weniger gestresst ist und mehr Zeit für sie hat. Ob diese Freude aber den Frust darüber aufwiegt, dass es nur noch einmal pro Jahr für Familienferien reicht, ist eine andere Frage …

Äusserst widersprüchlich

Klar ist auch: Der individuelle Entscheidungsprozess findet nicht in einem isolierten mikrosozialen Raum statt, sondern ist eingebettet in einen gesellschaftlichen Entwicklungskontext. Der ist ziemlich komplex und auch widersprüchlich. Von einer «paradoxen Gleichzeitigkeit von Persistenz und Wandel» spricht denn auch die Basler Gender-Studies-Professorin Andrea Maihofer, wenn es darum geht, eine gleichstellungspolitische Zeitdiagnose zu formulieren. Damit trifft sie den Nagel auf den Kopf. Denn einerseits verändert sich tatsächlich extrem viel und extrem schnell in den Geschlechterverhältnissen. 

So haben Mädchen die Knaben bei der schulischen Bildung überholt, und auch bei den Universitätsabschlüssen haben junge Frauen die Nase vorn. Dank Frauenstreik und #MeToo ist die Gesellschaft stark sensibilisiert für Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen von Frauen. Mit einer nationalen Gleichstellungsstrategie 2030 geht der Bund in die Offensive, um das Verfassungsziel endlich umzusetzen. Artikel 8, Absatz 3 der Bundesverfassung formuliert sehr klar: «Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.»



Markus Theunert

Markus Theunert, (*1973) ist Gesamtleiter des Dachverbands progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen (www.maenner.ch) und Leiter des nationalen Programms MenCare Schweiz. männer.ch hat vor zehn Jahren die Kampagne DER TEILZEITMANN lanciert und betreibt eine Fachstelle für betriebliche Väterarbeit (www.vaeternetzwerk.ch). Kontakt: theunert@maenner.ch.

Der Mann mit Teilzeitarbeitswunsch will auf keinen Fall als «Kameradenschwein» dastehen, das den anderen im Team Mehrarbeit einbrockt.



Ungleichheit und Traditionsfalle

Und doch kommt die Gleichstellung an vielen Orten kaum vorwärts. Lohnungleichheit und der Gender Care Gap – die ungleiche Verteilung unbezahlter Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeiten zwischen den Geschlechtern – bleiben ebenso bestehen wie der Männermangel in pädagogischen, pflegerischen und sozialen Berufen. Zum Zeit­punkt der Familiengründung schnappt nach wie vor die Traditionsfalle zu: Er arbeitet weiterhin Vollzeit, sie kümmert sich primär um die Kinder und steuert im Teilzeiterwerb einen «Zweitverdienst» bei. In Familien mit kleinen Kindern werden deshalb gemäss Bundesamt für Statistik auch heute noch 71,9 Prozent des Familieneinkommens durch den Vater verdient. Umgekehrt leistet er jede Woche gut 20 Stunden weniger unbezahlte Haus- und Familienarbeit als seine Partnerin. 

Das Erstaunliche an diesen traditionellen Mustern: Die Mehrheit der Paare hatte eigentlich vor, es selbst ganz anders zu machen als die eigenen Eltern – und findet sich dann doch im gleichen Arrangement wieder, das schon ihre Eltern gelebt hatten. Nur gerade bei 13 Prozent aller Paare arbeiten beide Elternteile Teilzeit, obwohl sich jedes zweite Paar genau dieses egalitäre Modell wünscht, wie die Publikation «Familien in der Schweiz. Statistischer Bericht 2021» des Bundesamts für Statistik festhält. 

Gleichstellung als Gewinn für alle

Auch die Männer haben sich gleichstellungspolitisch modernisiert – zumindest rhetorisch. Zahlen aus Deutschland zeigen: Laut «Familienreport 2017» des deutschen Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen, Jugend stelle sich für 80 Prozent der Männer nicht mehr die Frage, ob es Gleichstellung braucht, sondern nur noch, wie diese gestaltet sein soll. Eine grosse Mehrheit der Männer sehe auch ganz persönlich einen Gewinn in mehr Gleichstellung: wirtschaftlich (86 Prozent), partnerschaftlich (82 Prozent), gesellschaftlich (79 Prozent). 82 Prozent (elf mehr als noch 2007) wollen auch nach Familiengründung Erwerbs- und Familienarbeit teilen. Jeder zweite Mann formuliert gemäss dem «Väterreport 2018» desselben deutschen Bundesministeriums den Wunsch, dafür die Erwerbsarbeitszeit zu reduzieren. Nur 18 Prozent gelingt dies.

Es zeigt sich also ein Grundmotiv, das sich bei verschiedensten Gleichstellungsfragen beobachten lässt: Die Einstellungen modernisieren sich viel schneller und stärker als das Verhalten. Wir lernen: Aus der Modernisierung auf Einstellungsebene folgt keine automatische Veränderung im Verhalten.

Die Soziologin Diana Baumgarten und der Genderfachmann Andreas Borter fassen in ihrem Bericht «Vaterland Schweiz» des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen die paradoxe Befundlage mit Blick auf die Väter treffend zusammen: «Für das heutige Leitbild vom Vatersein ist wesentlich, dass die Figur des ‹abwesenden Ernährers› abgelehnt wird. (…) Wunsch ist der engagierte und in der Familie involvierte Vater. Das bringt aber keineswegs ‹automatisch› eine Aufgabenteilung mit sich, in der der Vater zu gleichen Teilen Sorgearbeit leistet wie die Mutter. Somit eröffnet sich ein Spannungsfeld: Einerseits unterscheidet sich das gelebte Arbeitsarrangement äusserlich nicht gross von dem der eigenen Eltern, andererseits grenzen sich heutige Väter stark vom Vaterbild früherer Generationen ab und entwickeln ganz andere Ansprüche an sich als Vater.»

Mehr als individuelles Versagen

Viele Paare geben sich in dieser Situation selbst die Schuld für das Scheitern an den eigenen Idealen. Sie glauben, wenn der Partner oder die Partnerin besser mitziehen würde, gelänge ihnen die gelebte Gleichstellung. Das mag im Einzelfall stimmen, nicht aber als gesellschaftliche Diagnose. Denn die Statistiken zeigen klar: Es gibt kein faules Geschlecht. Männer wie Frauen sind vergleichbar engagiert und zunehmend belastet.

Eltern kleiner Kinder arbeiten deutlich über 70 Stunden die Woche – unabhängig vom Geschlecht. Laut Bundesamt für Statistik übernehmen Väter heute im Vergleich zur Generation vor ihnen beachtliche zehn Wochenstunden mehr Haus- und Familienarbeit. Das ist als Tatbeweis zu anerkennen. Die Mehrarbeit der Männer entlastet aber die Frauen in der Familienarbeit nicht. Im Gegenteil: Trotz der zehn Stunden Mehraufwand der Männer ist ihr Engagement für die Familie im gleichen Zeitraum sogar noch gewachsen! Aufgrund wachsender Anforderungen sind insbesondere Eltern kleiner Kinder zusehends belastet und gestresst

Statt sich selbst Vorwürfe zu machen, sollten Paare den Blick viel eher auf die politischen und institutionellen Rahmenbedingungen richten. In den Kursen, die männer.ch für (werdende) Väter anbietet, erleben wir immer wieder: Allein die Erkenntnis, dass die Anforderungen an Männer heute total widersprüchlich sind, entlastet sie bereits massiv. Denn die neuen Anforderungen an Männer, präsente Väter, emotional kompetente Partner und empathi­sche Teamplayer zu sein, ersetzen die alte Leistungslogik ja keineswegs. Vielmehr kommen die neuen Anforderungen einfach noch zu den alten hinzu. Diese gelten aber weiterhin. Dass diese Anforderungen überhaupt nicht zusammenpassen, wird gesellschaftlich geflissentlich übersehen – und von den Vätern als eigenes Versagen interpretiert.

Was ist «normal»?

Der Genfer Soziologe René Lévy legt in seinem Referat im Rahmen der Fachtagung «Familiengründung als vulnerable Phase» bezüglich Rahmenbedingungen den Finger vor allem auf «Normalitätsunterstellungen, die dem Funktionieren der Institutionen zugrunde liegen, aber nicht den Charakter expliziter Normen haben». So geht das Schweizer Schulwesen bis heute stillschweigend davon aus, dass Kinder in einer familiären Umgebung aufwachsen, in dem sich eine erwachsene Person genügend von Erwerbs pflichten befreien kann, um potenziell jederzeit für das eigene Kind da zu sein.

Ein anderes Beispiel für eine solche Normalitätsunterstellung habe ich vor einigen Jahren in unserer ersten Kinderkrippe erlebt. Dort fanden sich auf dem Anmeldeformular drei Spalten: Erreichbarkeit Mutter Geschäft, Erreichbarkeit Vater Geschäft, Erreichbarkeit Mutter privat. Dass der Vater auch während der Bürozeiten Familienarbeit leisten und deshalb tagsüber nur privat erreichbar sein könnte, ist in dieser Optik nicht vorgesehen. Natürlich könnte man die Vorgabe im Formular einfach korrigieren. Selbst dann bleibt die subtile Normalitätsunterstellung aber wirkmächtig – und vermittelt sehr klar, was «normal» ist und was eben nicht. In der Summe kumulieren sich solche Signale zur klaren Botschaft an Eltern, sich dem Normalmodell anzunähern – und wirken laut Lévy so als «strukturelle Self-Fulfilling Prophecies, denen schwer zu entkommen ist».

In dieser Perspektive wird klar: Männer, die ihren Teilzeitarbeitswunsch umsetzen, kämpfen nicht nur mit ihren eigenen Sorgen und Bedenken und mit denen ihrer unmittelbaren familiären und betrieblichen Umgebung. Sie leisten gleichzeitig kulturelle Entwicklungsarbeit, indem sie unsichtbaren, aber wirkungsstarken Widerständen trotzen. Dieser unsichtbare Kampf darf nicht übersehen werden, wenn man dem Ringen von Männern im Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit gerecht werden möchte. 

WEITERE INFOS

Gleichstellungsstrategie 2030: www.gleichstellung2030.ch

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