«Eigenständigkeit und Wertschätzung sind im FAU-Alltag gelebte Werte»

Ein Morgen im Januar. Beat Portmann wirkt noch immer irgendwie überrascht. Vor ein paar Stunden erst unterschrieb er den Vertrag als Marketingfachmann in der Fotobranche nach einem Jahr intensiver Jobsuche. Einfach sei diese Zeit nicht gewesen, sagt Beat und ist noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen.


Beat Portmann, FAU-Teilnehmender
Beat Portmann, FAU-Teilnehmender
Teilnehmenden-Statistik FAU 2019
Teilnehmenden-Statistik FAU 2019
Stellenantritt Teilnehmende
Stellenantritt Teilnehmende
RAV-Befragung zur Zusammenarbeit
RAV-Befragung zur Zusammenarbeit
Verbesserung Vermittlungsfähikgeit
Verbesserung Vermittlungsfähikgeit
Wunschstelle Einfluss FAU
Wunschstelle Einfluss FAU

365 Tage lang hat sich bei dir alles um die Frage der beruflichen Neupositionierung gedreht, vier Monate davon warst du bei FAU. Wie bist du zu FAU gekommen?

BEAT PORTMANN: Während acht Monaten suchte ich erfolglos auf dem offenen Stellenmarkt, zu Gesprächen wurde ich selten eingeladen. Es war offensichtlich, dass meine Suchstrategie nicht funktionierte. Dann wurde ich  durch das RAV auf das FAU-Programm aufmerksam gemacht und ging davon aus, dass das einfach ein RAV-Bewerbungskurs sei. Schnell habe ich im Erstgespräch gemerkt, dass meine anfängliche Einschätzung des FAU-Qualifizierungsprogramms falsch war. Auf eine Kurzformel gebracht, ist FAU aus meiner Sicht ein individuell zugeschnittenes Programm zur Stellenfindung, das an die persönliche Weiterentwicklung und Weiterbildung der Teilnehmenden gekoppelt ist. Eigenständigkeit und Wertschätzung sind im FAU-Alltag gelebte Werte. Das hat mir sehr geholfen, meine Lebensfreude zu erhalten und meine Selbstsicherheit wiederaufzubauen. Dabei kam ich nicht darum herum, mich intensiv und ehrlich mit mir auseinanderzusetzen. Es galt, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Wer bin ich? Was kann ich? Wohin geht die Reise? Wie setze ich mein Ziel um? Und immer wieder musste ich mich der Frage stellen: Habe ich überhaupt noch eine Chance auf dem Stellenmarkt?

Was liess dich zweifeln, dass du noch eine Chance auf dem Stellenmarkt hast? 

Aufgrund der vielen Absagen stellt man sich diese Frage schon immer wieder schonungslos. Ich stellte immer wieder fest, dass ich die in den Profilen verlangten Ausbildungen – für die Funktion eines Marketingleiters wird heute ein Universitätsstudium vorausgesetzt – nicht 1:1 mitbrachte. Aus eigener Rekrutierungserfahrung weiss ich, dass die Inserate oft auf Wunschprofile möglicher Kandidatinnen und Kandidaten ausgerichtet sind, aber in Zeiten der fundamentalen Selbstreflexion wächst die eigene Verunsicherung trotzdem mit jeder Absage. Insbesondere wenn es sich um Absagen auf Stellen handelte, die zu mir passten und deren Anforderungen ich jahrelang in der Praxis erfüllt hatte. Ich empfand es als grosse Herausforderung, den Bewerbungsprozess wieder von vorne zu beginnen. Selten zu Vorstellungsgesprächen eingeladen zu werden, hiess für mich, dass ich mich nicht einbringen konnte und auf «hard facts» reduziert wurde. Das stand in krassem Widerspruch zur eigenen Rekrutierungspraxis, bei der der Mensch und das Team im Zentrum standen.

Du hast selbst über 20 Jahre hinweg in unterschiedlichsten Positionen Mitarbeitende rekrutiert. Wie ist es, plötzlich auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen?

Aus der Perspektive der Arbeitgeber konnte ich einerseits Verständnis für ihre Argumente bei Absagen aufbringen, anderseits nervte es mich kolossal, wenn nur meine Eckdaten gescannt wurden und ich als Mensch mit grossen autodidaktischen Fähigkeiten einfach nicht existierte. Viele Arbeitgeber richteten den Fokus auf Fakten wie Zertifikate und Diplome, ganz egal, ob ich im Marketingbereich eine leitende Funktion suchte oder mich für eine Mitarbeit im Verkauf bewarb. Ich gebe zu, dass es mich immer wieder irritierte, wenn ich gefragt wurde, ob ich mich überhaupt mit Facebook und den sozialen Medien auskenne. Aber offenbar gibt es gerade im digitalen Umfeld ein Gedankenraster in den Köpfen der Personalverantwortlichen, bei dem das Alter zum Ausschlusskriterium wird und einem mit 57 Jahren bestimmte Jobs nicht mehr zugetraut werden. Solange nur formale Weiterbildungen und Diplome als Voraussetzung für qualifizierte Arbeit gelten, wird diese Haltung zusätzlich verstärkt. Während des Suchprozesses gab es tatsächlich Momente, in denen meine Gedanken um

das Alter kreisten und ich mich dadurch selbst blockierte.

Was hast du konkret verändert?

Als diplomierter Einkaufsleiter mit einem Erfahrungswissen, das ich mir über Jahrzehnte hinweg in Einkauf, Verkauf und Marketing sowie Lehrlingsausbildung angeeignet hatte, musste ich akzeptieren, dass ich meine Lösung nicht über eine klassische Stellenausschreibung finden konnte. Wie ich mein Vorgehen ändern konnte, lernte ich bei FAU. Ich setzte mich intensiv mit meinen Fähigkeiten und Kompetenzen auseinander. Ich lernte, das Ziel so klar zu formulieren, bis mir mein Mehrwert für den zukünftigen Arbeitgeber bewusst war und ich mich mit all meinen Qualitäten verkaufen konnte. Auf diese Weise gewann ich kontinuierlich an Dynamik und Selbstvertrauen zurück, was schliesslich zum Erfolg führte.

… und was war ausschlaggebend für deinen Erfolg?

Ich formuliere es mal so: Wenn es keine passende Stelle für mich auf dem offenen Arbeitsmarkt gibt, suche ich sie auf dem verdeckten Arbeitsmarkt. Das eigene Netzwerk ist der Schlüssel dazu. Es geht darum, bisherige Kontakte intensiv zu pflegen, damit neue Kontakte entstehen können: Leute treffen, an Ausstellungen gehen und an Fachtagungen teilnehmen. Fachwissen aktualisieren und erweitern, damit ich auch wirklich bereit für neue Herausforderungen bin. Bei mir waren die Netzwerkkontakte entscheidend, und wie es aussieht, hatte ich das Glück, zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Kontakt zu aktivieren. Ein Bekannter forderte mich auf, den aktuellen Firmenauftritt im Netz zu kommentieren. Ich entwarf ein Grobkonzept für einen ergänzenden Auftritt im Netz. Mein Bekannter brachte das Konzept in die Geschäftsleitung ein. Es folgte ein Termin mit dem CEO, und ein paar Tage später unterschrieb ich den Vertrag. In der neuen Aufgabe kann ich auch meine Leidenschaft für Fotografie ausleben und mein Wissen in den Fachbereichen Technik und Marketing schon ab Stellenantritt sofort wieder einbringen.

FAU – ein Erfolgsfaktor bei deiner Neupositionierung?

Auf jeden Fall. Dieser Erfolg wäre ohne FAU nicht möglich gewesen. Mich als Fachperson direkt bei einer Firma vorzustellen, lag vor FAU definitiv ausserhalb meines Vorstellungsvermögens. Die intensive Auseinandersetzung mit meiner eigenen Person sowie die ehrliche Einschätzung und motivierende Unterstützung durch die Coaches haben mir spannende, neue berufliche Perspektiven eröffnet. Die Möglichkeit, mein Wissen zudem über ein hochwertiges Kursangebot aufzufrischen und zu erweitern sowie in inspirierenden Diskussionen mit anderen Menschen in der gleichen Situation zu teilen, hat mich stark gefordert und mir zugleich viel Kraft gegeben. Diese lehrreiche Zeit mit einzigartigen Momenten hat mich fachlich und persönlich weitergebracht.

Gibt es eine Erkenntnis, die du an dieser Stelle weitergeben möchtest?

Wichtig ist, dass wir die Unterstützung von Profis und von unserem Umfeld annehmen. Als ich meinen Job verlor, hatte ich zuerst Mühe, mit anderen über meine Stellensuche zu reden. Bei neuen Kontakten habe ich das Thema «Was machst du jobmässig?» versucht zu vermeiden. Doch je mehr ich mich outete, desto positivere Reaktionen konnte ich wahrnehmen. Die Basis für meinen Veränderungsprozess verdanke ich dem Umstand, dass ich bei FAU herausgefordert wurde, die Ausgangslage zu überdenken und meine Vorgehensweise radikal zu hinterfragen. Heute bin ich überzeugt, dass wir die Wahl haben: Ich kann mich durch die Absagen bis zum Stillstand demotivieren lassen, oder ich entscheide mich, die Situation zu verändern, und übernehme Verantwortung durch aktives Handeln. FAU hat mir den Weg zum Erfolg gezeigt und die Türe zu neuen Möglichkeiten geöffnet.

Interview: Hedy Bühlmann

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